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Das Antislawismus-Problem

Hilft der Begriff gegen Vorurteile oder schafft er neue Missverständnisse?

 
Für viele mag es überraschend klingen, dass weiß gelesene Menschen Opfer von Rassismus werden können. Doch für Menschen osteuropäischer Herkunft sind diskriminierende Erfahrungen ein Teil ihres Alltags. Viele Forscher*innen verweisen auf die lange Tradition des gegen Osteuropäer*innen gerichteten Rassismus, der in Deutschland nie ernsthaft aufgearbeitet wurde. Dabei wird dieses Phänomen in den Antirassismusdebatten der jüngsten Zeit weitgehend ignoriert. „Es gibt Rassismus gegen Menschen, die weiß gelesen werden: Osteuropäer, Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, postsowjetische Migranten oder Postost-Menschen, wie man sie neuerdings nennt, sagt der Migrationsforscher Janis Panagiotidis, - Rassismus kann sich auch an Sprache oder Akzent aufhängen und auf Kultur oder Religion beziehen, deswegen reicht es nicht, nur in Schwarz und Weiß einzuteilen.“

In der Zeit des russischen Kriegs gegen die Ukraine verschärft sich auch dieses Problem: Einerseits versucht Russland, es als vermeintliche „Russophobie“ umzumünzen und skandalisiert jede Kritik an russischer Politik und Gesellschaft, jeden Widerstand gegen Unterstützung des Angriffskriegs als „Diskriminierung der Russen“. Andererseits ist die deutsche Russlandkritik tatsächlich nicht frei von abwertenden Stereotypen. Die oft abwertende Haltung gegenüber der Ukraine, die sich u. A. in der Forderung äußert, sie solle den Kampf aufgeben und sich dem Aggressor fügen, ist ebenfalls eine Facette des antislawischen Ressentiments.
 
Wann ist eine Putin-Karikatur rassistisch? Wie spricht man über die Probleme der Community, ohne pauschalisierende Stereotypen zu stärken? Wie ist der Rassismus in der Gesellschaft verankert? Und gibt es sie wirklich, die Russophobie? Darüber sprachen wir mit Ani Menua und Darja Klingenberg.
 
 

Teilnehmer*innen: 

Dr. Darja Klingenberg
ist akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie der Kulturwissenschaftliche Fakultät der Viadrina Universität Frankfurt /Oder. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte umfassen Migrationssoziologie, mit Schwerpunkt auf die russischsprachigen, insbesondere die jüdischen Migrationsbewegungen des 20 Jahrhunderts. Sie beschäftigt sich mit Verschränkungen von Klasse, Geschlecht, verschiedenen Rassismen und Antisemitismus, der Soziologie des Wohnens, der Soziologie des Humors und Methoden qualitativer Sozialforschung.Sie arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe Universität Frankfurt am Main und hatte Aufenthalte als Gastwissenschaftlerin an der New York University und der Tel Aviv University. Promoviert wurde sie mit einer Arbeit mit dem Titel: „Wohnen nach der Migration. Materialismus, Aspirationen und Melancholie russischsprachiger migrantischer Mittelschichten.“, die gerade mit dem Titel „Materialismus und Migration. Vom Wohnen russischsprachiger Migrantischer Mittelschichten“ bei Campus erschienen ist. In dieser beschäftigte sie sich mit Prozessen der Anpassung, Raumbezüge und Übersetzung kulturellen Kapitals und Vorstellungen guten Lebens unter migrantischen Mittelschichten. Gegenwärtig arbeitet sie zu erinnerungspolitischen Verflechtungen und Konflikten in Migrationsgesellschaften und zum Umgang mit Differenzen und Diversität in Diaspora Gemeinschaften.

Ani Menua
wurde in Jerewan, Armenien geboren und wuchs zu einem Teil in Moskau auf. 1997, im Alter von 13 Jahren, kam sie nach Wiesbaden. Sie absolvierte 2011 das Magisterstudium der Philosophie, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Slavistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz mit einer Arbeit über Immanuel Kants Begriff der Kunst in der „Kritik der Urteilskraft“. In Zusammenarbeit mit der Philosophischen Fakultät der Staatlichen Universität zu Jerewan fertigte sie von 2012 bis 2018 die Erstübersetzung des Kommentars zu Aristoteles‘ Logik des Neuplatonikers David Anhacht aus dem Altarmenischen ins Deutsche, die bei Logos Verlag Berlin erschien. Mit dem ehemaligen KOSMOS Verlag, jetzt Shift Books, verantwortete sie als freie Autorin, Herausgeberin, Lektorin und Übersetzerin einige Publikationen aus dem Bereich Kunst, Literatur und Gesellschaft. Ani Menua schreibt und übersetzt vornehmlich Lyrik und Essays aus dem Armenischen und Russischen ins Deutsche. In ihrer konzeptuellen und theoretischen Texten geht sie Fragen der (philosophischen) Ästhetik nach, derzeit – der phänomenologischen Betrachtung des Textes als Bild. Sie ist eine der Mitgründerinnen des X3 Podcasts.

 

Moderator: 

Nikolai Klimeniouk, Journalist.

Das Gespräch fand am 13. Juni 2022 in Berlin in den Räumlichkeiten der PANDA platforma statt.

 

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